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Donnerstag, 29. November 2018

wieder schwanger nach Fehlgeburt


Das Vertrauen ist eine zarte Pflanze.
Ist es zerstört, so kommt es sobald nicht wieder.
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Was kann man gegen die Angst tun?

Als ich 6 Jahre nach meiner Fehlgeburt wieder schwanger wurde, konnte ich mich anfangs kaum freuen. Besonders die erste Woche nach dem Schwangerschaftstest befand ich mich wie in einer depressiven Phase. Das ist so schade, denn eigentlich hätte ich allen Grund gehabt, singend durch die Wohnung zu tanzen!!! Aber was ist, wenn man wieder enttäuscht wird? Wenn man das alles nochmal erleben muss? Ich versuchte fast schon krampfhaft positive Gedanken in meinen Kopf zu bekommen, aber ich schaffte es nicht. Ständig kamen mir negative Dinge in den Sinn. Auch ablenken half nichts, die Sorgen waren einfach zu groß. Sie verfolgten mich bis in meine Träume, wenn ich denn überhaupt schlafen konnte. Die Fehlgeburt + 7 Jahre Kinderwunschzeit hatten einfach traumatische Spuren hinterlassen! Es wurde auf jede körperliche Regung geachtet und nachgegoogelt. So wurden dann z.B. Kreuzschmerzen bis zur Diagnose "Eileiterschwangerschaft" aufgebauscht ... und wenn einem dann noch einfällt, dass der Schwangerschaftstest doch eigentlich ziemlich zart ausgefallen ist... dann kann einen sowas wirklich total verrückt machen!

======> gegen die Angstzustände haben mir die Globulis Aconitum D12 (nicht von DHU kaufen!) in Verbindung mit beruhigender Musik geholfen. Es gibt so viel Entspannungsmusik, aber ich habe mich für Klassik: Vivaldi, Beethoven und Mozart entschieden, da ich es ohnehin gerne höre und schon wusste, dass es mich beruhigen würde.

übermäßige Ängste belasten Mutter und Kind!

Als ich bei meinen Eltern am Ende der 5. SSW vor lauter Ängsten, dass ich wieder eine Fehlgeburt haben könnten, schier in Tränen ausgebrochen bin, sprach mein Vater mit mir ein Machtwort. Manchmal braucht es einfach solche klaren Worte, um sich wieder zu fangen und sich nicht so gehen zu lassen. "Vergiss was damals passiert ist!!! Hör auf dir Sorgen zu machen! Das bringt absolut gar nichts! Es zieht dich nur runter"
In der 6. SSW habe ich mir dann das Buch "Seelisches Erleben vor und während der Geburt" aus der Pränatalforschung gekauft: "Die Mutter ist ein Mensch mit einer Vorgeschichte... sie lebt in einer Welt... im Uterus liegt ein Kind und lebt zusammen mit der Mutter, von ihr und dank ihr, in einer Symbiose... es liebt mit und hasst mit, es vergnügt sich mit und es leidet mit. Es empfindet ihre Herztöne mit, erschrickt, wenn sie erschrickt, sorgt sich um sie, weil es ohne sie nicht leben kann, sein Leben hängt von ihr und von ihrem Leben ab" Ich las darin die Geschichte einer Frau, die nach einer Totgeburt wieder erneut schwanger war und die gesamte Schwangerschaft über extreme Ängste hatte, dass dies wieder geschehen könnte. Das ist vollkommen verständlich. Aber das Kind versuchte dieser Angst zu entkommen und kauerte sich regungslos in Querlage in einer Ecke der Gebärmutter zusammen. Auch als Baby bewegte er sich wenig und wirkte abwesend, später versteckte er sich in Zimmerecken...
Auch wenn die übermäßigen Ängste nach einer Fehlgeburt in der Regel nur die ersten Wochen der erneuten Schwangerschaft andauern, ist es dennoch ein sehr abschreckendes Beispiel. Bei Ängsten zieht sich der ganze Körper zusammen, der Puls wird erhöht, die Herzschläge sind unregelmäßig, die Atmung schnell und flach. All das bekommt das Kind mit und fühlt sich - genau so wie die Mutter - schlecht.

======> Schwangerschafts-Yoga (zu Hause per Video) hat mich dem Baby erstmals näher gebracht. Bei diesen Übungen wird bewusst geatmet und dies trägt dazu bei, dass das Herz ruhig und geordnet schlägt. Man fühlt sich wohl. In meinem Video sollte ich immer wieder die Hände auf den Bauch legen. Und das erzeugte bei mir ein unglaubliches Glücksgefühl! Ja, da drin! Da ist wieder ein Baby 💕

Ist auch wirklich alles in Ordnung?

Als Fehlgeburts-Mama fragt man sich anfangs tagtäglich, ob die Schwangerschaft auch wirklich noch intakt ist. Es gibt ja hormonelle Veränderungen, die man spürt - oder eben auch nicht. Wenn man sich Rat bei Freunden sucht, können einen die Kommentare auch wieder total verunsichern z.B. "Die einzigste von meinen Schwangerschaften, in der ich keine Übelkeit hatte, war die mit der Fehlgeburt" Aber ich hatte in meiner Schwangerschaft keinen einzigen Tag lang Übelkeit und blieb dennoch schwanger. Auf solche Aussagen darf man also nichts geben. Überhaupt waren bei mir sämtliche Symptome ein Kommen und Gehen. Mal war ich müde, am anderen Tag war ich wieder topfit; Mal hatte ich gar keinen Appetit und mal aß ich total viel. Erst in der 8. SSW hatte ich plötzlich einen Würgeanfall. Dieser kam von 0 auf 100 und war nach ein paar Minuten genau so plötzlich wieder verschwunden, wie er gekommen war. Das war für mich das erste wirklich eindeutige Zeichen, dass da etwas in meinem Körper passiert. Wenn ich mit meiner ersten Fehlgeburts-Schwangerschaft verglichen habe, war alles anders! Ich hatte damals ganz andere und sehr viel deutlichere Symptome. Das kann einen natürlich auch wieder verrückt machen. Aber keine Schwangerschaft ist gleich. Man sollte sich eigentlich freuen, wenn es einem gut geht! Solange man (noch) keine Blutung oder starke Schmerzen hat, gibt es keinen Anlass zur Sorge und man kann einfach ganz ruhig bleiben. Wieso sich unnötige Sorgen machen?

======> Ganz bewusst habe ich mich nach meiner Fehlgeburt dazu entschlossen, keinen Ultraschall mehr vor der 13. SSW durchführen zu lassen, um die Bestätigung dafür zu bekommen, dass mit dem Kind alles in Ordnung ist. Das hatte ich mir damals geschworen. Denn, es hatte mir ja nichts gebracht! Alle 2 Wochen war ich damals beim Ultraschall. Immer sah alles bestens aus. Das Herz hat geschlagen, das Baby ist rasant gewachsen, alles super! Keinerlei Auffälligkeiten. Und dann... war es in der 13. SSW trotzdem tot! Was hatte ich nun die Wochen zuvor davon, immer wieder gesagt zu bekommen, dass alles prima ist?! Gar nichts! Diesmal habe ich dem Kind die Gefahren und Unannehmlichkeiten des frühen vaginalen Ultraschalls erspart.


Sprich mit deinem Kind

Es ist verständlich, wenn man sich seelisch vor einer erneuten heftigen Enttäuschung schützen und erstmal keine Bindung zum Kind aufbauen möchte. Das Kind existiert aber nicht erst nach 12 Wochen, sondern vom ersten Tag an! Und es fühlt sich anders an, ob man einfach so nebeneinander herexistiert, oder ob man liebevolle Zuwendung erhält. Also wenn ich mich in die Situation des Embryos hineinversetze, könnte ich mir vielleicht denken: "wieso ignoriert sie mich???" Wenn ich mir vorstelle, dass ich einen Raum betrete und die anwesenden Personen mich nicht begrüßen, sondern ignorieren.... dann überlege ich mir doch zweimal, ob ich es mir dort gemütlich mache (kann es dort überhaupt gemütlich sein, bei so einer kalten distanzierten Stimmung?) oder ob ich lieber wieder gehe...

======> Während einer Meditation nahm ich täglich Kontakt mit dem Kind auf und erklärte, was in meiner Welt so los war. Vor allem warum ich diese oder jene Gedanken / Sorgen hatte, aber natürlich auch wie sehr ich mich freute, dass ich nun wieder schwanger bin und was ich für den nächsten Tag oder für später geplant hatte, damit es sich darauf einstellen kann.



Sonntag, 25. November 2018

Umgang mit einer Fehlgeburt - auch für Außenstehende

 

Es ist ein Schock

Jeder Mensch reagiert anders! Viele brechen sofort in Tränen aus... ich war wie erstarrt. Ich hatte einen Schock! Aber jeder denkt wohl im ersten Augenblick das gleiche: „Das kann nicht sein! Es handelt sich um eine Fehldiagnose! Die Ärztin muss sich irren!“
Ohne auch nur eine Träne zu vergießen, saß ich da und hörte zu. Immer noch tapfer verließ ich die Praxis und fuhr nach Hause. Auf dem Weg trafen wir meinen Schwiegervater, der fragte, wie es UNS denn geht. Und ich meinte immer noch ohne Tränen: „Das Kind ist tot.“ Die Reaktion darauf war ebenso nüchtern wie ich. Eine kurze Schrecksekunde war bei ihm zu erkennen und das war es aber auch. Das war aber in dieser Sekunde auch nicht weiter schlimm, da ich erst einmal selbst realisieren musste, was eigentlich passiert ist.

Eine kleine Welt bricht zusammen!

Nach und nach benachrichtigen wir meine Eltern und meine engen Freunde. Diese zeigten natürlich sehr stark ihr Mitgefühl und dadurch brach dann auch alles aus mir heraus. Ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Je mehr Mitgefühl ich gezeigt bekam, desto mehr musste ich weinen, da mir dadurch die Situation immer bewusster wurde. Eine kleine Welt brach zusammen! Alles was ich die letzten Wochen erlebt, gedacht, gefühlt, erträumt und geplant hatte, änderte sich innerhalb nur einer Sekunde! Natürlich ist das nicht das Ende der Welt! Doch muss man auch mit kleinen plötzlichen Veränderungen geistig erstmal fertig werden. Man wird gezwungen von jetzt auf gleich umzudenken, sich neu zu orientieren und nochmal bei 0 anzufangen. Das ist natürlich umso schlimmer, je länger es gedauert hat, um überhaupt schwanger zu werden.

"Du wirst schon noch irgendwann ein Kind bekommen"

Leider reagierte nicht jeder besonders einfühlsam. Es gibt für diesen Schmerz im Prinzip ja auch einfach keine tröstenden Worte. NICHTS kann eine Frau trösten, die ihr sehnlichst herbeigewünschtes Kind verloren hat. Kein: „Du wirst schon noch irgendwann ein Kind bekommen“ kein „Es ist gut, dass das Kind gegangen ist, sonst wäre es vielleicht behindert gewesen“ und auch kein "Ach das ist doch was ganz normales. Das erleben so viele." Das mag alles objektiv gesehen richtig sein, doch in diesem Augenblick ist der Schmerz so groß, dass alles ausschließlich nur subjektiv empfunden wird. Solche Sätze sind wenig aufbauend. Ganz im Gegenteil. Solche Sätze klingen dann eher wie „Hab dich halt nicht so und stell dich nicht so an“. Dabei wollte ich einfach nur verstanden werden! Und ich wollte mit meiner Traurigkeit akzeptiert werden. Doch stattdessen bekam ich vermittelt, dass ich nicht traurig sein darf. Und dann kam das große totschweigen. Es wurde so getan, als wenn niemals etwas passiert wäre. Das fand ich am allerschlimmsten!


Klarheit hilft allen weiter

Für Außenstehende ist es aber sicher gar nicht so einfach, mit so einer Situation umzugehen und die richtigen Worte zu finden. Vor allem wenn sie selbst so eine Situation noch nie erlebt haben. Jeder hat einen anderen Charakter und andere Bedürfnisse. Was für den Einen richtig ist, ist für den Anderen der falsche Weg.
Deshalb kann ich im Nachhinein sagen, dass es für alle Beteiligten am Besten ist, wenn die Bedürfnisse klar geäußert werden. Nur wenn die Betroffene den Außenstehenden erklärt, wie sie mit der Situation umgehen sollen, haben sie auch die Chance sich "richtig" zu verhalten!
  • darüber reden
  • schweigen, um keine Wunden mehr aufzureißen
  • ablenken 
  • normal weiter machen, als wäre nichts gewesen
  • ....
Außenstehende können die Betroffenen auch selbst danach fragen, wie sie sich verhalten sollen.

Darüber Reden

Da jeder Mensch anders ist, ist es schwierig allgemeingültige Tipps zu verteilen. Ich kann nur erzählen, was mir persönlich geholfen hat: In erster Linie musste ich reden! Ich hatte einen richtigen Drang dazu. Es tat mir unheimlich gut über alles sprechen zu können, was ich damals gefühlt habe. Und da so viele schweigen wollten und meine Eltern und meine Freundinnen für mich tatsächlich einfach nicht genug waren, sprach ich mit allen möglichen Leuten darüber. Menschen, die mir nicht sonderlich nahe standen, Menschen die mir sogar eigentlich ziemlich fremd waren, Menschen die gar nicht wussten, dass ich überhaupt schwanger war.... Aber ich musste einfach reden, um das Ganze verarbeiten zu können! Und das tat ich sehr lange. Auch noch Wochen nach der Geburt. Dadurch wurde das Kind zwar auch nicht wieder lebendig. Aber es tat einfach so gut, sich alles von der Seele reden zu können. Ich hatte absolut kein Problem damit, mit jedem Menschen darüber zu reden. Ich konnte vollkommen klar sprechen, ohne zwischenzeitlich zu weinen. Ich kann nicht verstehen, warum so viele Frauen verschweigen, dass sie eine Fehlgeburt hatten und alles mit sich selbst ausmachen. Es gibt im Leben nicht nur Höhepunkte, sondern auch mal Tiefschläge. Gilt man als schwach, wenn man anderen mitteilt, dass es einem gerade nicht gut geht? Dass etwas nicht so geklappt hat, wie man es geplant hat? Ist man ein Versager, weil man es körperlich nicht geschafft hat, das Kind am Leben zu erhalten? Ich kann aus meiner Erfahrung sagen, dass es nicht so ist. Man muss nicht immer nur nach außen stark sein, man darf auch über seine Probleme sprechen und Hilfe annehmen. Niemand ist vor Tiefschlägen sicher. Und wer weiß? Vielleicht hat jemand schonmal das selbe erlebt und kann einem tatsächlich durch seine damalige Erfahrung helfen. Vielleicht kommt die Person, mit der man gesprochen hat, selbst ein paar Jahre später in dieselbe Situation; diese weiß dann schon Bescheid und kann sich wiederum an uns wenden. Aber wenn niemand spricht und jeder schweigt, kann auch niemandem geholfen werden!

Das Kind loslassen

Meine Hebamme empfahl mir das Kind rituell zu verabschieden und loszulassen. Sie hatte Ideen wie etwa Teelichterschiffe in einen See setzen oder einen Luftballon steigen zu lassen. Eine schöne Idee ist auch eine Gedenkkerze brennen zu lassen.


In Erinnerung behalten

Geschehen ist Geschehen. Man war schwanger. Es war eine Zeit im Leben, in der man sich auf das Kind gefreut hat, eine Zeit in der man Verschiedenes erlebt hat. Man wird diese Zeit nie vergessen, auch wenn man später noch weitere Kinder bekommt. Die Erinnerungen aus dieser Zeit muss man deshalb nicht auslöschen, nur weil das Kind wieder gegangen ist. Man kann sie genau so wie Erinnerungen aus fröhlichen Zeiten in sein Fotoalbum kleben und schön verzieren. Eine weitere schöne Erinnerung ist ein symbolischer Anhänger, den man immer bei sich tragen kann z.B. ein Engelsflügel, ein Engel, ein Schmetterling oder ein Stern.




Samstag, 24. November 2018

Erfahrungsbericht: Fehlgeburt / kleine Geburt ohne OP (13. SSW)

Nachdem Jahre vergangen sind, möchte ich gerne berichten, wie damals der Ablauf meiner Fehl-Geburt / kleinen Geburt war. Einige Frauen, die ebenfalls ihr Kind verloren haben, haben mich damals darauf angesprochen, wie ich damit umgegangen bin. Denn ich bin nicht den heute „normalen“ Weg über eine OP / Ausschabung gegangen. Viele Frauen wissen gar nicht, was passiert, wenn sie eine Fehlgeburt haben. Woher auch? Es wird in der Gesellschaft einfach nicht darüber gesprochen! Die meisten Frauen verheimlichen ihre Schwangerschaft sogar in den ersten Wochen, weil ja noch soooo viel passieren kann. Warum eigentlich??? Wenn niemand spricht und jeder schweigt, kann auch niemandem geholfen werden.
Wie es mir seelisch ergangen ist und was mir geholfen hat, damit fertig zu werden, könnt ihr hier nachlesen.

 

 

Muss man unbedingt operiert werden?

Ich wusste aus beruflicher Erfahrung bereits bevor ich schwanger wurde, wie der Werdegang in einem solchen Fall ist. Wenn eine Frau in Deutschland eine Fehlgeburt hat und der Arzt dies feststellt, wird sie sofort ins Krankenhaus geschickt zu einer Abrasio / Ausschabung (außer es handelt sich nur um eine fehlgeschlagene Einnistung, die einfach über die Periode abgeblutet wird). Dabei wird die Frau in Vollnarkose versetzt und die Gebärmutter „ausgeschabt“. Ein paar Minuten OP und das Baby ist weg, die Ärzte haben ihr Geld verdient...
All das durfte ich mir selbst im OP ansehen. Ich war bei einer Ausschabung live dabei. Und ich war zutiefst schockiert. Es war meine allererste Erfahrung im OP. Die Patientin wurde so grob, lieblos und unwürdig behandelt, dass es mir fast den Boden unter den Füßen wegzog. Mir war zwar durchaus bewusst, dass für die OP nur eine gewisse Zeit eingeplant war und die Patientin ohnehin nichts mitbekam, aber dennoch hätte ich nicht gewollt, dass man jemals so mit mir umgeht! Ich bin auch ein Mensch, der immer die Natürlichkeit hinterfragt. Wieso muss eine OP gemacht werden? Es ergab für mich keinen Sinn! Ein gesundes Kind holt man ja auch nicht standardmäßig über eine OP auf die Welt. Wieso sollte man es also bei einem sehr viel kleineren Kind tun? Diese Geburt ist doch viel leichter für den Körper! Wie hat die Menschheit nur über tausende von Jahre ohne OP bei einer Fehlgeburt überleben können? So informierte ich mich also bereits vor meiner Schwangerschaft, wie mit diesem Thema in anderen Ländern umgegangen wird und fand heraus, dass es nicht selbstverständlich ist, dass man in ein Krankenhaus geht, „nur“ weil man eine Fehlgeburt hatte...

Es ist ein Schock

Nun wurde ich also nach 11 Monaten des Wartens auf mein absolutes Wunschkind endlich schwanger! Die gesamte Schwangerschaft über war ich immer absolut positiv eingestellt. Ich freute mich unglaublich auf mein Kind und habe nie und zu keinem Zeitpunkt jemals darüber nachgedacht oder gezweifelt, dass ich dieses Kind evtl wieder verlieren könnte. Die äußere Welt war jedoch in dieser Phase sehr schwierig für mich. Ich bezeichne es heute als die dunkelste Zeit in meinem Leben. Beruflich war ich zum Zeitpunkt der Empfängnis und auch die Jahre zuvor extrem unglücklich, da ich dort psychisch sehr zu leiden hatte. Die Schwangerschaft stellte für mich zum Teil auch eine Art „Erlösung“ davon dar. Zu wissen, dass ich nur noch ein paar Monate aushalten müsste, war für mich wie ein Licht am Ende des Tunnels. Da der Arbeitgeber ja immer dafür sorgen muss, dass die Schwangere am Arbeitsplatz nicht gefährdet wird, gab ich sofort nach Bekanntwerden der Schwangerschaft Bescheid. So wurde mir körperlich gesehen die Arbeit zwar ab diesem Zeitpunkt erleichtert, doch psychisch ging der Terror dann erst so richtig los. Kaum ein Tag verging, an dem ich nicht geweint habe. Als ich dann in der 13. Schwangerschaftswoche war, ging ich zum Routineultraschall. Obwohl sich das Kind bisher immer gut entwickelt hatte und gewachsen ist, konnte sie nun keinen Herzschlag mehr feststellen.... Sie suchte und suchte und fand einfach nichts. Noch auf dem gynäkologischen Stuhl teilte sie mir mit, dass ich nun operiert werden müsste. Sofort klingelten meine Alarmglocken und ich rief auf der Stelle: „Nein! Das mache ich nicht! Ich werde das Kind auf natürliche Weise bekommen!“ Die Ärztin war nun natürlich verwundert, doch sie versuchte mich in keiner Sekunde vom Gegenteil zu überzeugen. Darüber war ich sehr froh. Sie erzählte mir ein bisschen darüber, doch was genau, weiß ich heute nicht mehr. Der Schock war einfach zu groß. Sie gab mir auch 1 oder 2 Tabletten mit, die ich wohl hätte nehmen können, um die Geburt einzuleiten. Ich weiß heute jedoch nicht mehr, was es für Tabletten waren, denn ich habe sie niemals eingenommen.

Es kann dauern...

Diese natürliche Geburt ließ ziemlich lange auf sich warten. Ich selbst bin heute jedoch froh darüber, dass es so lange gedauert hat, denn so hatte ich viel Zeit mich auf alles vorzubereiten. Aber niemand konnte mir sagen, wie nun eine Geburt von einem sehr kleinen toten Kind abläuft!!! Ich kontaktierte als erstes meine Hausgeburtshebamme, bei der ich eigentlich für die Geburt angemeldet war. Ich musste ihr ja nun mitteilen, dass sie den Termin anderweitig vergeben kann. Ich fragte sie dann, ob sie mir denn bei der Fehlgeburt beistehen könnte. Das wollte sie natürlich gerne tun, hatte nur selbst keinerlei Erfahrung damit. Sie gab mir die Telefonnummer einer anderen Hebamme, die mir weiterhelfen sollte. Diese rief ich an und führte ein sehr langes Gespräch mit ihr. Sie erzählte mir, dass in bestimmten anderen Ländern jeder sein totes Kind normal auf die Welt bringt und niemand dazu ins Krankenhaus geht. Nur in Deutschland wäre es eben nicht üblich. Sie gab mir allerlei Tipps zu wehenauslösenden Mitteln wie z.B. Wehentee und homöopatische Mittel. Aber auch sie konnte mir nicht so genau sagen, was bei einer natürlichen Fehlgeburt auf mich zukommt. Also versuchte ich stundenlang im Internet nach Erfahrungsberichten zu suchen. Ich fand keine. Wenn überhaupt, dann waren diese Kinder bereits sehr viel größer/älter, hatten den Neuralrohrdefekt, kamen also ohne Schädeldecke zur Welt o.ä. Ich las zumindest diese Geburtsberichte, die aber eben immer im Krankenhaus stattfanden und mir auch einen ziemlichen Schrecken einjagten. Ich hatte das Gefühl, das mir etwas ganz Schreckliches bevorstehen würde. Überall las ich "Blut", weshalb ich mir zur Vorbereitung Babywickelunterlagen und die dicksten Binden besorgt habe, die ich nur finden konnte. Ich malte mir schon aus, wie ich das Kind mit extrem viel Blut überall auf die Welt bringen würde und dass es einfach ganz schrecklich schmerzhaft werden würde. Tag für Tag verging und es tat sich einfach nichts. Ich bekam keine Wehen und es ging mir körperlich gut, als wenn nie etwas gewesen wäre. Also probierte ich es mit dem besagten Wehentee und erwartete, dass es promt los gehen würde. Doch es passierte weiterhin nichts. Tag für Tag trank ich Tee, nahm Globuli, dosierte sie immer höher... aber es passierte einfach nichts. Es konnte  kaum jemand verstehen, warum ich nicht ins Krankenhaus gegangen bin. Aber das wollte ich nicht. Ich hatte ja auch noch die Tabletten von der Frauenärztin, aber ich wollte sie nicht nehmen. Ich wollte, dass mein Körper es alleine regelt, genau so wie es natürlich vorgesehen ist. Ich wollte da einfach nicht eingreifen.

Die kleine Geburt / Alleingeburt

Ganze 20 Tage nach der Diagnose war es dann soweit. Mitten in der Nacht wachte ich auf, weil ich Wehen hatte. Ich weckte meinen Mann auf, um ihm zu sagen, dass es nun soweit ist. Doch wir konnten ja nichts tun. Ich hatte einfach Wehen mit Pausen dazwischen. Ich legte mich wieder flach und mein Mann streichelte mir den Rücken. Ich liebe es normalerweise, wenn er meinen Rücken streichelt. Normalerweise kann er das gerne den gesamten Tag lang machen, aber in dieser Situation war es mir extrem unangenehm. In den Wehenpausen ging es, aber sobald eine Wehe kam, konnte ich keine Berührung mehr ertragen. Deshalb bat ich ihn irgendwann aufzuhören und mir viel Platz für mich zu geben. Wir machten das Licht wieder aus, mein Mann sprach nicht mehr, sondern schlief irgendwann wieder ein. Und all das war genau das was ich brauchte. Ruhe, Platz um mich herum und Dunkelheit. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie andere Frauen in dieser Situation nun aufstehen können und mit dem Auto in ein Krankenhaus fahren. Das erschien für mich vollkommen unmöglich. Ich war heilfroh, dass ich mit niemandem sprechen musste und einfach meine Ruhe hatte. Bei jeder Wehe wälzte ich mich im Bett umher, weil ich nicht wusste, wie ich sonst die Schmerzen hätte ertragen können. Aber irgendwann wurde ich so ruhig, dass ich in den Wehenpausen immer wieder eindöste und letztendlich die Wehen dann auch in meine Halbschlafträume miteinbaute. Als es morgens gegen 8 Uhr hell wurde, wachte ich wieder richtig auf und setzte mich im Bett auf. Kurz danach merkte ich, dass nun Blut kommen würde, so wie bei einer Periode. Mein Mann half mir aufzustehen und in der nächsten Sekunde rannte ich auch schon los auf die Toilette, weil das Blut tatsächlich schwallartig aus mir heraus schoss. Und da gab es für mich nur einen naheliegenden Gedanken, den ich so schnell realisieren konnte: Toilette. Als ich auf der Toilette saß, stürzte unglaublich viel Blut und Gewebe in die Toilette, dass ich es kaum fassen konnte. Ich fragte mich, wo denn nur so viel Blut plötzlich herkommen kann. Es waren aber wie gesagt auch Gewebestückchen, die ich in die Toilette klatschen hörte. Ich wusste nicht:... War da jetzt das Kind mit dabei? Hat es sich über die lange Zeit zersetzt und stürzte nun in kleinen Stückchen in die Toilette? Ich hatte keine Ahnung und mein Mann rief die Hebamme an, dass es nun soweit wäre. Die war aber zuerst gar nicht erreichbar und als sie dann zurückrief, meinte sie wohl, dass sie keine Zeit hätte. Somit war ich also zwangsläufig auf mich alleine gestellt. Da ich in der Vergangenheit oft Probleme damit hatte, in schwierigen Situationen ohnmächtig zu werden, legte ich mich auf den Badezimmerboden. Ich hatte einfach Angst, dass mir alles zu viel werden würde und ich mal wieder umkippen könnte. Am Boden gingen die Kontraktionen weiter und wurden immer schlimmer und schlimmer. Irgendwann hatte ich eigentlich gar keine Wehenpausen mehr und die Schmerzen waren so heftig, dass ich kaum noch wusste, was ich tun soll. Ich versuchte mich mit den Händen irgendwo festzuhalten, drehte mich ständig hin und her, schüttelte meinen Kopf vor lauter Schmerzen. Da mir leicht kalt wurde, schaltete ich den Heizlüfter ein, der direkt neben mir war. Der warme Wind tat mir unglaublich gut. Und da ich nun nicht stundenlang den Lüfter anhaben konnte, bekam ich einfach eine Bettflasche. Die Bettflasche auf meinem Bauch linderte wundersamerweise sofort die Schmerzen und es ging mir wieder besser. Heute weiß ich, dass es aus Hebammensicht ein Fehler war, die Bettflasche zu nehmen, da sie die Wehen bremste. Tatsächlich hatte ich ziemlich schnell gar keine Wehen mehr. In dieser Situation war ich natürlich froh darüber. Ich ging nochmal auf die Toilette, es kam nochmal etwas Blut. Aber ich war nach ca 8 Stunden Wehen so erschöpft, dass ich ins Bett gegangen bin und erstmal 2 Stunden geschlafen habe. Dann bin ich wieder auf die Toilette gegangen, es kam wieder etwas Blut. Aber das war dann alles eigentlich gar nicht mehr der Rede Wert. Es ging mir wieder bestens. Natürlich habe ich mich gefragt, ob das jetzt tatsächlich alles war. Ich bin einfach mal davon ausgegangen und war ziemlich erleichtert. Doch ein paar Stunden später merkte ich, dass etwas auf meinen Muttermund drückte. Aber das merkte ich eigentlich nur durch Zufall. Bei ganz bestimmten Bewegungen. Nicht unter Schmerzen. Ich hatte absolut keine Schmerzen mehr, es kam eigentlich auch kein Blut mehr. Ich wusste dann nicht so recht, was ich jetzt genau tun sollte. Ich war sehr unsicher. Ich spürte, dass ich das Kind rausdrücken sollte, aber ich hatte auch Angst davor. Mein Mann hielt meine Hände. In der Hockhaltung war die beste Position zum drücken. Zuerst versuchte ich es ganz vorsichtig und zaghaft, da ich einfach nicht wusste, was mich dann erwarten würde. Würde das Kind dann sofort rausplumpsen? Würde es weh tun? Aber es tat nicht weh. Ich spürte wie sich mit erhöhtem Druck der Muttermund immer weiter öffnete, bis das Kind letztendlich nach unten geschoben werden konnte. Vollkommen schmerzfrei. Es glitt die Vagina entlang und ich musste dazu all meine Kräfte aufbringen und es richtig nach unten pressen. Zeitweise hatte ich das Gefühl, dass ich es gar nicht schaffen würde, es herauszupressen. Es steckte richtig fest, vor allem am Ende, wo ich anscheinend weniger Muskeln zur Verfügung hatte. So hat es sich zumindest für mich angefühlt. Ja und dann war es da. Ich hatte es geschafft. Was für eine rießen Erleichterung. Ich war so froh, dass ich das Kind ganz ohne Schmerzen herausdrücken konnte. Es kam auch kein Blut mehr. Sicherlich hätte es anders sein sollen. Ich hätte wohl schon während der Wehen pressen sollen. Aber niemand hat mir gesagt, dass ich pressen soll und ich selbst hatte zu dem Zeitpunkt keinerlei Bedürfnis danach einfach so grundlos loszupressen. Letztendlich war ich überglücklich, dass es genau so gekommen ist, dass ich das Kind ganz genau erspüren konnte, frei von Schmerzen und ohne Blut. Anschließend kam noch tagelang etwas Blut nach, so wie bei einer abklingenden Regelblutung. Ich beobachtete meinen Zyklus, die Temperatur (NFP) und sah, dass ich genau 2 Wochen später wieder einen Eisprung hatte. Und weitere 2 Wochen später hatte ich wieder eine ganz normale Regelblutung. Alles lief ganz normal weiter, ich hatte ganz normale Zyklen, nichts kam in seinem Rhythmus durcheinander. Der Kontrollultraschall beim Frauenarzt ergab keinen Befund, alles ganz normal, als wenn niemals etwas geschehen wäre... die Natur hat alles von selbst geregelt.